Freitag, 30. November 2007

Lagerware


Oder beiläufige Innenansichten zum Dekowunder:

Es soll Menschen geben, die es schaffen, ihre Autos in Garagen
zu stellen. (Für uns andere wurden wohl Car-Ports erfunden.)
Denn leider lassen sich in den trockenen Räumen im Außenbereich
mit ihren großzügigen Zugängen viel besser viele empfindliche
Dinge unterbringen als diese robusten Blechvehikel. Mein liebes
Dekowunder hat zum Beispiel fast 2,5 Außenlager in Hausnähe.
Dazu kommen noch der fünfteilige Keller, ein Boden, ein ehe-
maliges Kinderzimmer, der Platz unter dem Schreibtisch in einem
anderen Raum sowie diverse provisorische Kisten und Kartonstapel
im direkten Zugriff. Schwierigerweise verteilen sich diese Lager-
plätze auf drei Adressen in zwei Städten. Das bedingt einen ge-
wissen Deko-Tourismus mit regem Austausch der Lagerwaren. Des-
halb wird das Auto auch vorrangig nach seiner Transportfähigkeit
beurteilt. Ein Peugeot 205 ist da geradezu ideal mit dem immensen
Innenraum bei kleinsten Außenabmessungen und der niedrigen
Ladekante zur fast ebenen Heckfläche. Mir graut schon vor dem Tag,
wenn ein Nachfolger gefunden werden muss. Meine Vorschläge über
kleine Lieferwagen nachzudenken, werden allerdings bislang noch
nicht ernst genommen.

Mit dem Untergang des Sozialismus sind Fünfjahrespläne trotzdem
nicht verschwunden. Es gibt sie noch als genaue Farb-Choreografie
für die Abfolge von Dekorationen und Themen in unserem Haus. Der
Einzelhandel bringt diese Planung leider immer wieder mit
neuen
Angeboten durcheinander. Aber schnell wird jede Neuerwerbung
in eine optimierte Fassung eingepasst. Diese exakten Zielvorgaben
für den Wechsel der verschiedenen Dekoplätze haben mit den
klassischen Fünfjahresplänen eine wesentliche Eigenschaft gemein:
Es kommt immer anders.

Der Pappkarton im Haushalt ist nicht zwangsläufig ein zu ent-
sorgender Wertstoff. Unter Umständen ist er als Verpackung einer
Deko-Farbwelt oder Themenkiste viel wertvoller. Noch besser,
wenn der Karton stapelbar ist und viele gleichartige Brüder mit-
bringt. Aus Ihnen lassen sich perfekte Türme in der zweiten
Reihe vor Regalen bauen.


Das Standardmaß für den normalen Deko-Lagerturm sind ent-
weder die holländische Gurkenpappkiste in zwei Größen oder
der deutsche Aufback-Brötchenkarton. Beide sind vom Alt-
verpackungswagen von Penny zu beziehen. Aus beiden lassen
sich stabile mannshohe Türme bauen, die auf glatten Kellerfliesen
sogar im Ganzen parallel verschoben werden können, um z.B. ans
Werkzeug-Regal zu kommen, wenn der Nachbar nach Ladenschluss
noch Bau-Silikon benötigt. Der Vorteil dieser Penny-Kartons ist,
dass sie weitgehend ohne große bunte Aufdrucke auskommen. Der
Nachteil der Kartons ist, dass sie so neutral weiß sind, dass es im
Turm eigentlich unmöglich ist, von außen zu sehen, in welcher
Lage sich der gesuchte Gegenstand befindet.


Bei der Vielzahl der Möglichkeiten ist es eigentlich ein Wunder,
wie selten Panik-Attacken auftauchen, wenn ein liebes und ganz
wichtiges Dekostück nicht zu orten ist. Nach einer Woche sind
alle Außenlager geprüft und wenn sich bis dahin noch kein Such-
erfolg einstellt – wird mal wieder über die perfekte Lagerhaltung
sinniert. Da trifft es sich gut, wenn Bürostühle in mannshohen
Kartons geliefert werden. Oder IKEA vom Hotdog-Transport viele
Verpackungen übrig behalten hat. Der Einkaufswagen ist danach
voller Leergut. Und es ist ein gelungener Einkauf, obwohl wieder
einmal nicht alle gesuchten Schweden-Waren vorrätig waren.
Zukünftig kann man sicher damit noch ganz andere Türme
in Garage, Boden und Keller bauen …


Und es werden kaum weniger Dekoteile. Zumal es ja auch keinen
echten Schwund gibt. Selbst wenn mal etwas runterfällt oder aus
Altersgründen aufgeben will - die Reste, Scherben, vergilbte Schau-
stücke und auch verlassene Spinnenweben finden sofort eine neue
Aufgabe. Dazu kommen noch die Gaben des Gartens: Die Knüppel,
Zweige und Moos-Ernten des kommenden Jahres werden sicher nicht
so markant sein wie die bisher schon gesammelte Trockenauswahl.


Mehr Überblick in den Dekowelten wäre bisweilen sehr will-
kommen. Aber eigentlich funktioniert das Gehirnjogging
noch viel zu gut. Außerdem gibt es beim Suchen immer wieder
Entdeckungen, und das zufällige Nebeneinander bringt neue
Ideen für künftige Dekorationen. Das Ergebnis sind zum Beispiel
wilde Kombinationen aus
günstig geschossenen Glas-Ornamenten
und profanen Plastiksternen vom Grabbeltisch
. Oder edler Glas-
schmuck in aufgeribbelten Schnäppchen-Topfschwämmen als
stählernes Engelshaar. Ebenso treffen sich Polyresin-Weihnachts-
mäuse, Strohpinguine und strenge Tannenbaumsilhouetten im
selbstgepflücktem Efeu. Ich bin jedes Mal überrascht, was da
plötzlich zusammen gehört
.


Strafverschärfend für jede Lagerhaltung ist die antizyklische
Beschaffung. Natürlich ist es günstiger, Osterartikel kurz vor
Weihnachten zu erwerben. Oder den Einzelhandel von den
Restbeständen nach der Saison zu entlasten – das nächste Jahr
hat garantiert wieder einen Sommer oder eine Adventszeit.
Und der Handel bedankt sich für die eingesparten Lagerkosten
mit Sonderangeboten.


Immer wieder gehen Deko-Arrangements als Komplettinstallation
an liebe Menschen. Oder eine Kiste mit einer ganzen Farbwelt
verlässt das Haus. Aber nicht für immer – denn noch gibt es so viele
Ideen, die damit umsetzt werden können. Also keine Angst vor
üppigen Geschenken – es sind nur
Leihgaben. Aber Leihgaben sind
keine Entlastung für die Stauraumlogistik. Sie kommen alle wieder
zurück in den Fundus
.

Bei klassischen Sammlern werden die Eroberungen am besten
fabrikneu, sogar mit allen Beipackzetteln, Verpackungen und
Aufklebern
absolut licht- und luftdicht verpackt, damit sie auch
Jahre später wie frisch aus dem Laden wirken. Wer dagegen
mit seinen Sammlungen lebt, muss auch den normalen Verfall,
die Patina und einige abgestoßene Ecken in Kauf nehmen.


Die zum Verstauen benötigten Kartons inklusive des weichen
Verpackungsmaterials stehen schon jetzt für diese und zuküftige
Dekomaterialien im Keller bereit. Deshalb fallen mir auf dem
Weg zum Katzenklo auch immer einige kleine Pappkästen vor
die Füße, und ich muss danach wieder reichlich Styroporflocken
in das restaurierte fragile Stapelkunstwerk einfüllen.


Doch eigentlich habe ich es nicht besser verdient. Denn ich bin
selbst ein Sammler, der immer wieder
neue Gebiete entdeckt,
absteckt und erschließt. Der immer wieder waghalsige Begründungen
findet, um neue Dinge zu erwerben und Sammlungen um Varianten zu
bereichern. Der Türme aus Kisten und Schachteln baut und reichlich
Regale füllt. Der auch die Geschichte vergessener Produktwelten mit
Beispielen belegen kann. Der
eine detailverliebte Bärenbande mit
perfekten Kinderwelten ausstattet. Der zeitweilig weit in der Zukunft
lebt
– denn man kann ja nie wissen, ob nicht doch irgendwann die
Zeit kommen wird ...


Also keine Heilung in Sicht. Es bleibt das Staunen über Menschen,
die entsorgen können. Und leichten Herzens ihre Fehlentscheidungen
korrigieren, indem sie einige Dinge im Notfall noch einmal kaufen.
Wenn man uns fragt, fallen uns nur die Beispiele ein, bei denen genau
das vermisst wird, was kurz zuvor weggegeben bzw. verkauft wurde
oder sogar im Müll gelandet ist. Es soll also Menschen geben, die ihre
Garagen für Autos nutzen. Aber mit denen tauschen – auf keinen Fall!

Fotos und Text: W.Hein


Kommentare:

Ute hat gesagt…

Eine herrliche Geschichte! Jetzt musste ich doch mal herzhaft lachen und ich habe auch noch tiefere Einblicke in die Welt von DekoGerümpel bekommen. Ich konnte mir ja immer schon nur schlecht vorstellen wie man bei so viel Deko den Überblick behalten kann. Und anscheinend ist das ja nicht immer so ganz einfach. Umso erstaunlicher, dass es immer wieder neue Dekowelten zu bewundern gibt. Da merkt man doch, dass es sich um eine richtige Leidenschaft handelt...
Liebe Grüße von Ute

Petra hat gesagt…

Diese Schilderung ist wirklich sehr schön. Mein Mann schlägt bei mir immer vor wir sollten in eine Lagerhalle umziehen :-) Er hat noch nicht ganz aufgegeben, aber er kann mich vom sammeln hübscher Dinge einfach nicht abbringen :-)

SchneiderHein hat gesagt…

@ Ute
Ich vermute, das ist auch wirklich fast unvorstellbar. Zumal viele Dinge ja mindestens einen Doppelnutzen haben: Katzenausstattung oder Accessoires für Wolfgangs Bärenwelten. Und da ich ja nun auch noch die Gelegenheit habe in Braunschweig bei meiner Mutter aus- oder zwischenzulagern und sie davon profitiert, wird das Ganze ja noch unübersichtlicher.
Einziges Problem ein schöner trockener, leicht erreichbarer Lagerraum - am besten mit Hochregalen ... ;-)

@ Petra
Und Wolfgang hält schon seit einiger Zeit Ausschau, ob in der Nachbarschaft eine Garage zu vermieten ist. Damit er zumindest einen Teil seiner Sammlungen auslagern könnte. Und damit ich endlich genug Platz hätte meine Farbwelten vernünftig zu sortieren. Es gibt nämlich ein paar Teile, die ich jetzt seit einigen Monaten verzweifelt suche. Sie sind nicht ganz bestimmt nicht weg, aber bis jetzt suche ich wohl immer haarscharf an der falschen Stelle ...
Leichter wird es aber auch nicht, wenn Dein Mann auch ein Sammler wäre. Solange es das gleiche Thema ist, geht es ja vielleicht. Aber bei uns gibt es beispielsweise auch noch meine Geschirrecke, während Wolfgangs längst vergessene Produktwelten zum Beispiel Klapptoaster sind. Aber die stehen zum Glück inzwischen in seinem alten Kinderzimmer in Osnabrück ... ;-)